Mein erster Marathon.
18.04.2010
Da meine sportlichen Interessen relativ breit gestreut sind, hatte der Laufsport für mich bis 2009 keinen allzu hohen Stellenwert. Dies hat sich erst geändert, als ich bei euch gelandet bin. Nachdem ich 2009 erste Wettkampferfahrung im Laufcup sammeln konnte, hat sich irgendwann bei mir die Vision, einen Marathon zu laufen, in meinem Oberstübchen festgesetzt. Da ich relativ ehrgeizig bin, habe ich auch schon voriges Jahr versucht bei den Bewerbsläufen einigermaßen mitzuhalten. Natürlich hatte ich keinerlei Wettkampferfahrung und musste kräftig Lehrgeld bezahlen. Meinen ersten Bewerbslauf in Gänserndorf habe ich noch in lebhafter Erinnerung, als ich in Zatopek Manier loslegte, die Ernüchterung kam bereits bei Kilometer drei.
Nun habe ich meine Vision ja wirklich umgesetzt und habe eine Zeit unter vier Stunden angepeilt. Ich bin mit der Voraussetzung an die Sache herangegangen, zumindest einen Teil der unzähligen Fehler, die ich im Laufe des vorigen Jahres gemacht habe, zu vermeiden. Schon vorweg, es ist mir nur zum Teil gelungen. Die Voraussetzungen waren ganz gut, ich war gut ausgeschlafen und habe mir zum Frühstück nicht den Magen mit Spiegeleiern und Speck vollgestopft. Dann ab zum verabredeten Treffpunkt, „Alte Donau“. Ich war etwas zu früh dran und da ich nicht unbedingt zur Korpulenz neige, hat sich beim Warten sehr schnell der Frost bei mir im Gebein festgesetzt – der mitgenommene Pullover lag wohlverstaut im Auto – Demenz – Anfangsstadium. Habe dann meine Klamotten zum Kleiderwagen gebracht, zurück zum Treffpunkt, die Mannschaft war schon vollzählig versammelt. Plötzlich ein Geistesblitz: „Die mitgebrachten Energie Gel Sackerl befinden sich im Kleidersack“ – Demenz – zweites Stadium. Die Bedienungsmannschaft hatte wohl ob meines Erscheinungsbildes Mitleid mit mir und gab mir den Sack nochmals, nach dem Motto: „Der dablost sunst net amol die Bruckn.“
Nach einem gemütlichen Plauscherl mit einigen von euch dann endlich der Start. Ich bin mit angezogener Handbremse losgelaufen, um nicht meinem Kardinalfehler, am Anfang zu schnell zu beginnen, anheimzufallen. Habe mit 6 Minuten begonnen, war aber so gut drauf, dass ich schon nach einigen Kilometern etwas Gas gegeben habe und 5:30 gelaufen bin. Wurde dann irgendwo am Ring von Evelyn geschnupft, ein paar nette Worte und weg war sie. Einige aufmunternde Zurufe von Sylvia, Erwin, Erhard und Freunden haben gut getan. Meine Gedanken kreisten immer um den Halbmarathon Punkt, wie ich es wohl verkraften werde, nicht in die Garage laufen zu dürfen. Ich habe aber diese psychische Hürde problemlos geschafft und konnte das Tempo locker halten.
Bei Kilometer 34 in der Hauptallee, im Gegenverkehrsbereich, haben sich die Wege von Evelyn und mir gekreuzt. Wir winkten uns gegenseitig zu, ich hatte etwa einen Kilometer Rückstand. Da stach mich natürlich sofort der Hafer, ich könnte sie eventuell noch einholen, anschließend lief ich eine Zeit um 5 Minuten. Wie sich später herausstellte, eine falsche Entscheidung, ein 69 Jähriger läuft einer jungen Frau, die ihm über ist, nicht hinterher, Erkenntnis – Demenz – drittes Stadium.
Von der Hauptallee bin ich dann in die Meierei Straße eingebogen, plötzlich vor der Stadionbrücke ein kleines Bergerl, kommt mir vor wie der Mount Everest, die Vernunft sagt: „Brems dich ein!“ Ich versuche zu gehen, aber nach 39 Kilometern Laufen kann ich nicht mehr richtig gehen, also laufe ich weiter. Ich spüre die ersten Anzeichen einer Verkrampfung im Oberschenkel. Michael steht am Straßenrand, er versucht mich für den Rest der Strecke zu motivieren und begleitet mich ein Stück des Weges, ich bin dafür sehr dankbar. Kaum hat Michael kehrt gemacht, streckt mich ein Oberschenkelkrampf nieder, nichts geht mehr, ich kann weder gehen noch laufen und das in Sichtweite des Zieles, ich bin verzweifelt und beginne mein Bein zu massieren. Mein Blick richtet sich nach oben, ich stehe genau vor dem Finanzamt für Steuern und Gebühren, da hat es wahrscheinlich schon manch einem auch ohne 40 Kilometer in den Haxen verkrampft, ist aber kein Trost für mich. Endlich geht es unter Schmerzen weiter, Zeit und Geschwindigkeit sind inzwischen vollkommen unwichtig, ich will nur ins Ziel kommen. Mein anderes Bein kommt sich am Schwarzenbergplatz benachteiligt vor, nach dem Motto ich möchte auch ein bisschen krampfen, tut es auch, der nächste Steher. Ich lege nochmals Hand an mich an, nach geraumer Zeit geht es auch hier weiter, die Halbmarathon Leute kommen in Sicht, feuern mich an, noch 200 Meter, ich versuche eine einigermaßen gute Figur zu machen, aber zu mehr als einem verkrampften Lächeln langt es nicht. Albert dokumentiert alles mit Serienfotos, auf die ich schon neugierig bin. Ich biege auf den Heldenplatz ein, halte mit einer Hand den Oberschenkelmuskel in Position, das hat sicher lustig ausgesehen, Zieleinlauf, geschafft. Habe auf den letzten zwei Kilometern 18 Minuten verbraten, der Kopf hat zwar gesagt: „Lauf!“ Die Karosserie hat gemeint: „Geh dich brausen, ich kann nicht mehr!“. Auf die Art und Weise kommen auch die unedleren Körperteile hin und wieder zu ihrem Recht.
Nach dem Lauf habe ich mich eigentlich sehr schnell erfangen, hatte keine größeren körperliche Probleme, auch der Montag verlief problemlos, daraus leitet sich ab, dass ich doch einigermaßen ausreichend trainiert habe.
Resümee:
Ich habe bis Kilometer 39 einen guten Job gemacht, das gibt Mut für die Zukunft. Ein dritter Klassenrang ist erfreulich, ich habe aber meine eigene Erwartungshaltung nicht erfüllt. Ich schaue nicht zurück, suche nicht nach Fehlern und Ausreden, ich schaue nach vorne. Ich werde im Herbst in der Wachau beim Marathon diese Erwartungshaltung erfüllen und schon der Weg dahin erfüllt mich mit Freude.
Dietmar